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Magersucht in Therapie.
Handlungsempfehlungen für die Praxis aus der Praxis.


Montag–Dienstagmittag (13.00 Uhr), den 20.–21. September 2010
Kursleitung: Dr. med. Jürg Liechti



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‚Man fleht, man bittet um die Gunst, um den allerhöchsten Liebesbeweis, dass die Kranke sich doch noch einmal dazu durchringe, ihre Mahlzeit, die sie als beendet betrachtet, noch um einen einzigen Bissen zu erweitern… L’excès d’instistance apelle un excès de résistance.’
(Dr. Charles Lasègue, 1873)

Das Therapiemodell am ZSB Bern zeigt folgende Eckpunkte (aus: Liechti, J., 2008, „Essstörungen – Wege aus der Hilflosigkeit“, Bulletin AES, 2, S. 3-9):

  • Die essgestörte Patientin ist in jedem Fall die Expertin ihrer Situation. Es geschieht nichts in der Therapie, ohne dass sie dazu das Einverständnis gibt, auch bei sehr jungen Patientinnen (ausgenommen die seltene Situation einer akuten Selbstgefährdung).
  • Wir informieren die Patientin, dass unserer Meinung nach die engsten Angehörigen (Eltern bzw. Partner) die wichtigsten Ressourcen sind. Umgekehrt informieren wir die Angehörigen, dass nichts „ohne die Patientin“ geht; sie ist die eigentliche „Auftraggeberin“ der nachfolgenden Familiengespräche.
  • Die Funktion der Familie besteht darin, der Patientin in der Bewältigung der der schwierigen Gewichtszunahme und Ernährungsnormalisierung beizustehen.
  • Es ist Aufgabe der Fachperson, den Kooperationsprozess der Familie zu begleiten und zu moderieren. Das setzt ein solides Vertrauensverhältnis voraus.
  • Lehnt eine Patientin den Einbezug der Familie bzw. des Ehepartners ab, so respektieren wir das. Nichtsdestotrotz untersuchen wir gemeinsam mit ihr die genauen Gründe dafür. Woran liegt es, dass sie ausgerechnet die wichtigsten Menschen nicht dabei haben will? In den allermeisten Fällen entpuppen sie sich als Ängste vor Kontrollverlust, als Schonverhalten gegenüber den Eltern oder Ehepartner oder als tiefe Schamgefühle. Nach dieser Klärung wünschen die meisten PatientInnen früher oder später den Einbezug ihrer Familien, weil sie erkannt und das Vertrauen gefunden haben, dass darin ein (Selbst-) Heilungspotential liegt und dass sie die persönlichen Herausforderungen meistern können statt sie zu vermeiden.
  • Im Rahmen eines so genannten „therapeutischen Systems“ bestehend aus einer Fachperson, der Patientin sowie jener Menschen, deren Beistand sie wünscht (meist die Eltern oder Ehepartner) werden Ziele kooperativ ausgehandelt.
  • Es werden dabei auch die Grenzen des ambulanten Settings definiert bzw. die Gründe dafür, wann eine stationäre Behandlung indiziert ist (weiterer Gewichtsverlust, lange dauerndes Untergewicht, fehlende Kooperation oder eigener Wunsch der Patientin).
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Hausärztin und mit einer Ernährungsberatung ist selbstverständlich.
  • Mit der Normalisierung der Ernährungssituation ist das Ziel nicht erreicht, sondern vorerst die Voraussetzungen geschaffen, die der Patientin einen „normalen“ Entwicklungspfad erlauben.
  • Insbesondere die (Wieder-) Belebung von Beziehungen zu Gleichaltrigen ist ein positives Zeichen. Auch die „Ablösung“ vom Elternhaus gehört zur nachfolgenden Entwicklung.
  • Bei schweren Störungen, wo sich nach einer gewissen Zeit wieder eine Gewichtsabnahme einstellt, sind alternierende Phasen von ambulanter und stationärer Therapie die beste Lösung (so genannte Behandlungsketten).
  • Bei jungen Patientinnen sind bei einer frühzeitigen Therapie und bei Einbezug der Familien die Prognosen für eine Heilung recht günstig.
  • In Bezug auf sehr schwere Essstörungen haben wir in den vielen Jahren klinischer Erfahrung folgendes gelernt: das Wichtigste ist, nie aufzugeben! Es lohnt zu kämpfen, denn jeder Schritt, den eine Patientin macht, ist das Fundament eines nächsten Schrittes. Es gibt auch Rückfälle; doch in den meisten Fällen einer engagierten Therapie sind es „nur Vorfälle“, die eigentlich anzeigen, dass es vorwärts geht.
 

Anhand klinischer (videografierter) Beispiele aus der Praxis der systemischen Familientherapie beleuchtet das Seminar in anschaulicher Weise einerseits diese Erfahrungen und Merkmale des Modells sowie therapeutische Strategien der Veränderung, die zum Ziel haben, die entwicklungshemmenden Fesseln der Magersucht zu sprengen. Das Hauptgewicht liegt dabei auf der ersten und oft schwierigsten Phase der Therapie: die Gestaltung eines therapeutischen System mit der „Patientin“ als Expertin ihrer (Leidens-) Situation.

Zur Vorbereitung empfohlene Literatur des Referenten:

  • Liechti, J. (2006): Anorexia nervosa: Epidemiologie, Klinik, Erklärungs- und Therapiemodelle, Teil 1, Epidemiologie & Klinik. Familiendynamik, 4, 409-427
  • Liechti, J. (2007): Anorexia nervosa: Epidemiologie, Klinik, Erklärungs- und Therapiemodelle, Teil 2, Erklärungs- & Therapiemodelle. Familiendynamik, 1, 55-79
  • Liechti, J. (2008): Magersucht in Therapie. Carl Auer Verlag.
  • Liechti, J., 2008, „Essstörungen – Wege aus der Hilflosigkeit für Angehörige und Betroffene“, Bulletin AES, 2, S. 3-9

Administratives

Richtet sich an: Berufsleute aus Medizin, Psychologie, Sozial- und angrenzende Berufe
Kurszeiten: 09.15–17.30 Uhr (1. Tag); 09.15–13.00 Uhr (2. Tag);
Gruppe: 8–20 TeilnehmerInnen (interdisziplinär, beide Geschlechter)
Umfang: 13 Lektionen reine Arbeitszeit (diese werden auch zertifiziert)
Ort: ZSB Bern, Villettemattstrasse 15, 3007 Bern, Plenumsraum
Kosten: sFr. 360.– (für beide Tage, einzelne Tage können nicht gebucht werden)