ZSB Bern


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Allgemeine Angaben Hintergrund Realisierung des Projektes Allgemeines

Psychotherapiezentrum für Essstörungen, PZE Bern

1. Allgemeine Angaben


1.1. Projektleitung

Dr. med. Jürg Liechti (1948); Facharzt Psychiatrie & Psychotherapie
Dr. med. Sandra Schärer (1968); Fachärztin Psychiatrie & Psychotherapie FMH
Lic. phil Corinna A. Ostafin-Hermann (1974); Psychologin FSP

Unterstützt durch das
Zentrum für Systemische Therapie und Beratung, ZSB Bern
Sekretariat ZSB Bern: Villettemattstrasse 15, 3007 Bern; Tel: 031 381 92 82,
Fax: 031 381 93 11; HP: www.zsb-bern.ch; Email: info@zsb-bern.ch

1.2. Kennwörter

Ambulantes Hilfeangebote für Menschen mit Essstörungen. Interdisziplinäre und schulenübergreifende Therapien (Systemtherapie, Verhaltenstherapie, Familientherapie). Weiterbildung für Berufsleute, Qualitätssicherung, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit.

1.3. Ausgangspunkt und Projektabsicht

Seit über fünf Jahren betreiben wir am ZSB Bern eine Sprechstunde für Menschen mit Essstörungen. Das interdisziplinäre und schulenübergreifende Therapieangebot hat sich im Raum Bern und Umgebung (bis in die Nachbarkantone) gut etabliert und die Nachfrage übersteigt dabei das Angebot um ein Mehrfaches. Die Zuweisungen erfolgen vorwiegend durch Kliniken, HausärztInnen und Selbstzuweisungen. Im Rahmen von Intensivkursen, Workshops und Foren (teilweise zusammen mit der Psychiatrischen Universitätspoliklinik Bern) wurden am ZSB Bern zudem Fachpersonen für das Spezialgebiet der Essstörungen ausgebildet. Die Zeit ist reif, um ein eigenständiges Projekt zu realisieren.
Wir beabsichtigen, ein Psychotherapiezentrum für Essstörungen, PZE Bern, aufzubauen und zu unterhalten, das folgende Zwecke umfasst:

  • Niederschwellige Sprechstunde (Anlaufstelle, ev. Help-Line),
  • ambulante Psychotherapien (interdisziplinär, schulenübergreifend),
  • Gruppentherapien für Betroffene und Bezugspersonen sowie Selbsthilfegruppen,
  • Fortbildung für Berufsleute,
  • Qualitätssicherung, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit.

Sämtliche Angebote sollen dem heutigen Standard wissenschaftlicher Praxis angemessen und ständiger Evaluation unterstellt sein.

Um die notwendigen Mittel zu beschaffen, wird eine Stiftung PZE Bern gegründet. Ziel ist es, ab 01.01.2007 den Betrieb aufzunehmen. Der Name der Stiftung ist noch offen und wird allenfalls durch einen/eine Stifter/in bestimmt.

2. Hintergrund

2.1. Aus den Medien

Aus dem Vierten Schweizerischen Ernährungsbericht (BAG, 1998):
‚…Neueste wissenschaftliche Daten zeigen, dass 8 Prozent der 14 bis 19jährigen Frauen sowie 2 Prozent der Männer im gleichen Alter ein hoch auffälliges Essverhalten aufweisen. Eine eigentliche Magersucht (Anorexie) wurde bei jeder 100. jungen Frau, Ess-Brech-Sucht (Bulimie) bei ca. jeder 33. Frau festgestellt…’

Aus einem Bulletin (Lichtblick-Newsletter, 2003):
‚…Neue Kampagne gegen Magersucht und Bulimie: Mit einer neuen Informationskampagne will das Sozialministerium gegen Magersucht und Bulimie vorgehen. Diese gefährlichen Essstörungen, die teilweise auch zum Tod führen können, werden in Deutschland noch immer unterschätzt…’

2.2. Essstörungen nehmen zu

Werden Wünsche und Befürchtungen heutiger Jugendlicher erforscht, so ergibt sich in Bezug auf die zukünftige Entwicklung von Essstörungen in der Schweiz ein düsteres Bild. Die Jugendstudie ‚Swiss Multicenter Adolescent Survey on Health’, SMASH 2002 (Narring F. et al., 2003) berichtet über eine alarmierende Entwicklung in der Einstellung der Mädchen zu ihrem Körper, insbesondere zu ihrem Körpergewicht: 70% der Mädchen wollen abnehmen und 20% gestanden ein, dass ihre Wünsche und Befürchtungen ständig um dieses Thema kreist. Alarmierend ist nicht allein der hohe Prozentsatz, sondern auch die Tatsache, dass die Tendenz steigt: 1993 wollten noch 55% der Mädchen abnehmen. Die Botschaft lautet: Bist du schlank, so bist du jemand! Und sie erreicht vor allem Mädchen und junge Frauen. Angesichts der Tatsache, dass Diätverhalten einer der wichtigen Risikofaktoren für die Entstehung von Essstörungen darstellt, ist das Studienergebnis bedeutungsvoll. Neuere Untersuchungen gehen davon aus, dass die Häufigkeit von Essstörungen zunimmt (Meermann, 1996), ausser jene der Magersucht (Milos et al., 2002).

2.3. Essstörungen haben keine Lobby

In den Jahren 1999 bis 2003 sind in Deutschschweizer Medien 12'647 Artikel zu Drogensucht, 5403 Artikel zum Alkoholmissbrauch und praktisch ebenso viele zur Nikotinabhängigkeit erschienen. Zum Thema der Essstörungen waren es gerade 232 Artikel. Während in den eidgenössischen Räten in dieser Zeit zum Vergleich 173 Vorstösse zum Drogenproblem und 38 zum Alkoholmissbrauch gemacht wurden, erregten Essstörungen kein einziges Mal die Aufmerksamkeit unserer Volksvertreterinnen und Volksvertreter (Spinatsch, 2003). Mit andern Worten: Essstörungen haben keine Lobby.

2.4. Formen psychogener Essstörungen

Die Gruppe der Essstörungen umfasst

  • die Magersucht (Anorexia nervosa),
  • die Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa),
  • Essanfälle (Binge-eating-Störung) sowie
  • die unspezifischen Essstörungen.

In der Schweiz gibt es schätzungsweise 10’000 bis 50’000 Personen, die an einer psychogenen Essstörung leiden. Tendenz steigend. Essstörung rangieren auf Platz vier der häufigsten psychischen Störungen von jungen Frauen, nach Depressionen, substanzbedingten Süchten und bipolaren Krankheiten (Schweiger et al., 2003). Die Magersucht ist die gefährlichste Form und häufigste Todesursache in der Altersgruppe von Mädchen zwischen 15 und 24 Jahren (Kamber, 2005). Jüngste Studien bestätigen den dramatischen (Langzeit-) Verlauf und das hohe (9 bis 10fache!) Todesrisiko verglichen mit gesunden Gleichaltrigen (Fichter et al., 2006). Aber auch bei den andern Essstörungen ist der Langzeitverlauf von Leid, Risiken und hohen Gesundheitskosten begleitet. Psychogene Essstörungen gehören zu den schweren psychosomatischen Störungen mit unterschiedlicher und zum Teil schlechter Prognose. Bekannt sind einige Risikofaktoren, doch die Ursachen sind weitgehend ungeklärt.

2.5. Rasche, umfassende und effiziente Therapie

Langzeitstudien weisen darauf hin: Die Prognose der Essstörungen ist statistisch umso günstiger, je früher sie diagnostiziert und behandelt werden (so genannte Sekundärprophylaxe: alle Massnahmen, die - im Gegensatz zur Primärprävention - nach dem Eintreten einer Krankheit getroffen werden und zum Ziel haben, die Krankheit möglichst früh zu erkennen und zu behandeln). Ein günstiger Langzeitverlauf ist  praktisch immer abhängig von einer effizienten Psychotherapie, während die spontane Erholung bei einem voll ausgeprägten Krankheitsbild eher selten ist (Csef, 1999).

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat die wissenschaftliche Forschung und klinische Praxis gezeigt, dass die besten Therapieergebnisse mit interdisziplinären und schulenübergreifenden Behandlungsmodellen erreicht werden. Vor allem die Kombination von Systemorientierung (Fokus auf die Beziehungskomplexität), verhaltenstherapeutischer Methodik und Familientherapie zeigt erfahrungsgestützt (empirisch evident) gute Resultate (Liechti, 2006, 2007). Besonders junge Patientinnen unter 20 Jahren profitieren von einer familienorientierten Therapie (Russell et al., 1987; Eisler et al., 1997), während die Familienorientierung bei älteren Patientinnen die Therapiemotivation für Heilungsprozesse verbessert. Am besten eignen sich Behandlungsketten, wo ambulante und stationäre Hilfen ineinander greifen. Indes scheinen die ambulanten Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft zu sein. Ambulante Therapien zeigen vergleichbare Ergebnisse wie stationäre, sofern die Familie einbezogen wird.

2.6. Das Problem

Spezifische Hilfsangebote für Menschen mit Essstörungen im Raum Bern sind von einem offensichtlichen Notstand geprägt:

  • Es gibt nur wenige auf Essstörungen spezialisierte Kliniken und Ambulatorien.
  • In spezialisierten Kliniken gibt es meist lange Wartezeiten.
  • Es gibt zu wenige Berufsleute, die auf Essstörungen spezialisiert sind.
  • Auf Essstörungen spezialisierte Therapieeinrichtungen mit einem ambulanten, familienorientierten und essstörungsspezifischen Angebot gibt es im Raum Bern und in der weiteren Umgebung nicht.
  • Die Sprechstunde für Essstörungen am ZSB Bern, die seit über 5 Jahren diese Hilfen anbietet, ist ‚chronisch’ überlastet.

2.7. Die Chancen des Projektes

Im Rahmen einer Pilotstudie zur Messung der Therapiequalität, die vom Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt wird (Bewilligungsbescheid des Schweizerischen Nationalfonds Nr. 6101-062901), kann die Wirksamkeit unseres schulenübergreifenden Therapiemodells am ZSB Bern gezeigt werden. Die vielen professionellen Erfahrungen, das spezifische Know-how sowie die beachtliche Zahl motivierter Fachleuten mit Erfahrungen im Umgang mit Essstörungen am ZSB Bern bilden die fachlichen Ressourcen für das Projekt. Zudem hat sich die Sprechstunde für Menschen mit Essstörungen sowie das ambulante Hilfsangebot gut etabliert. Der Vernetzungsgrad mit ZuweiserInnen und Institutionen über die Kantonsgrenze hinaus hat sich in den vergangenen Jahren vergrössert.

Das Projekt PZE Bern richtet sich fachlich nach folgenden Gesichtspunkten:

  • Es handelt sich um ein ambulantes Angebot, das sich spezifisch an Menschen mit Essstörungen richtet (allenfalls später auch an Menschen mit Angststörungen).
  • Das Projekt schliesst niederschwellige Angebote ein (Sprechstunde, Help-Line).
  • Die Angebote sind familienorientiert (familiäre Bindungsressourcen). Wo er-wünscht, sinnvoll und zumutbar wird mit den familiären Bezugspersonen (Eltern, Partner, Geschwister) zusammengearbeitet.
  • Die Angebote sind an den Bedürfnissen der Patientinnen orientiert.
  • Die Angebote sind interdisziplinär und schulenübergreifend. Neben psycho-therapeutischen und medizinischen Gesichtspunkten werden weitere, wissen-schaftlich als wichtig erkannte Gesichtspunkte berücksichtigt, z.B. Ernährungs-beratung, Gruppen-, Körperwahrnehmungs- und Ergotherapie.
  • Die professionellen Tätigkeiten richten sich möglichst nach erfahrungsgeleiteten (evidenzbasierten) Kriterien und werden ständig evaluiert (Qualitätsaspekt und Forschung).
  • Die Angebote sind spezialisiert, d.h. die Berufsleute zeichnen sich durch hohe Kompetenz im therapeutischen Umgang mit Essstörungen aus.
  • Die Angebote richten sich nach Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit (Qualitätserfordernisse gemäss KVG) sowie nach Kriterien der Nachhaltigkeit (Langzeitevaluation).
  • Die Angebote schliessen ständige Fortbildung und Forschung zum Thema sowie Aufklärung und Prophylaxe ein.

3. Realisierung des Projektes

3.1. Personelles

  1. Aufbau eines Unterstützungskomitees (noch offen).
  2. Aufbau eines Stiftungsrates (noch offen).
  3. Geschäftsleitung (Vorschlag: Sandra Schärer, Corinna A. Ostafin-Hermann; vgl. 1.1.).
  4. Einladung von Fachleuten, die Erfahrungen mit einzelnen Aspekten bei Essstörungen haben (Familienorientierte Psychotherapie, störungsspezifische Therapien, Gruppen und anderes) und bereit sind, ihre Ressourcen dem Projekt zur Verfügung zu stellen.

Bereits im Rahmen der Sprechstunde Essstörungen am ZSB Bern tätig:

  • Dr. med. Zsuzsanna Csontos, Fachärztin für Psychiatrie & Psychotherapie FMH
  • Dr. med. Conrad Frey, Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie FMH
  • Lic. phil Corinna A. Ostafin-Hermann, Psychologin FSP
  • Dr. med. M. Liechti-Darbellay, Fachärztin Psychiatrie & Psychotherapie FMH
  • Dr. med. Jürg Liechti, Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie
  • Dr. med. Marcel Meier, Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie FMH
  • Dr. med. Sandra Schärer, Fachärztin für Psychiatrie & Psychotherapie FMH
  • Dr. med. Christoph Thiel, Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie FMH
  • Lic. phil. K. von Steiger, Psychologin FSP, Fachpsychologin für Psychotherapie

 Neu zu rekrutieren:

  • Körper- und Wahrnehmungstherapeutin
  • SekretärIn
  • SozialarbeiterIn (optional)

3.2. Ablauf Stiftungsgründung

  1. Zusammenstellung des Projektplanes zur Abgabe an Dritte.
  2. Kontoeröffnung bei der UBS AG in Bern (bis Ende März 2006).
  3. Zusammenstellung des Unterstützungskomitees (offen).
  4. Sponsorensuche (allenfalls StiftungsgründerIn? offen).
  5. Zusammenstellung des Stiftungsrates (offen).
  6. Stiftungsgründung (offen).

3.3. Miete/Erwerb Liegenschaft

  1. Suche nach geeigneter Liegenschaft.
  2. Einrichtung umfassend Räumlichkeiten für Psychotherapien (mind. 3 Praxen), Esstraining (Küche und Essraum), Gruppentherapien (1-2 grosse Räume), Fort-bildungsraum (für 20 - 25 TeilnehmerInnen), Sekretariat, Infrastruktur.
  3. Vorgesehen ist eine provisorische Einmietung in den Räumlichkeiten des ZSB Bern.

4. Allgemeines

4.1. Finanzen

Die finanziellen Risiken des Projektes sind wegen der günstigen Marktbedingungen und teilweise gesicherter Finanzierung (kassenpflichtige Leistungen) gut kalkulierbar. Fortbildungen steuern Eigenmittel bei. Fremdmittel werden v.a. gebraucht für:

  1. Löhne Aufbauphase (ca. Fr. 60'000.-)
  2. Räumlichkeiten, Miete, Einrichtungen
  3. nicht-kassenpflichtige Leistungen,
  4. Qualitätssicherung, Forschung, Öffentlichkeitsarbeit (Aufklärung, Prophylaxe),
  5. Sekretariat.

Insgesamt betragen die fehlenden Mittel für die Aufbauphase ca. Fr. 120'000.-.
Für die Unterhaltsphase betragen sie ca. Fr. 60'000.- bis 70'000.- pro Jahr.

4.2. Unterstützungskomitee

Ein Unterstützungskomitee, bestehend aus Persönlichkeiten der Bereiche Gesundheit, Wissenschaft, Politik, Kultur, Sport und Wirtschaft, soll für die Wichtigkeit des Anliegens stehen.

Eingetragen haben sich unterdessen bereits:

  • Herr und Frau Dres. med. Irène und Christoph Birnstiel-Hadorn, Allgemeine Medizin FMH, Wohlen
  • Herr Professor Dr. phil. Guy Bodenmann, Universität Fribourg, Direktor des Instituts für Familienforschung und -beratung, Fribourg
  • Herr Christoph Caviezel, BEA bern expo AG, Vorsitzender der Geschäftsleitung
  • Herr Professor Dr. Josef Duss-von Werdt, Luzern
  • Frau Dr. med. Graziella Giacometti Bickel, Chefärztin, Kantonales psychiatrisches Spital, 1633 Marsens
  • Herr Professor em. Dr. Klaus E. Grossmann, Universität Regensburg
  • Frau Dr. Karin Grossmann, Universität Regensburg
  • Herr Dr. med. Rolf Ineichen, Klinikdirektor, PZM Psychiatriezentrum, Münsingen
  • Herr Professor Dr. med. Roland von Känel, Chefarzt Psychosomatik, Klinik für All. Inn. Medizin, Inselspital Bern
  • Frau PD Dr. med. Gabriela Milos, Leitung Zentrum für Essstörungen, Psychiatrische Poliklinik, Zürich
  • Herr Matthias Remund, Direktor Bundesamt für Sport (BASPO), 2532 Magglingen
  • Herr und Frau Dres. med. Beat und Claudia Michel Sollberger, Allgemeine Medizin FMH,  Gstaad
  • Herr Dr. phil. Martin Thommen, Leiter der Psychotherapeutischen Tagesklinik, Universitätsklinik für Psychiatrie, Bern
  • Herr Professor Dr. phil. Hansjörg Znoj, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern

Wer steilen Berg erklimmt,
hebt an mit ruhigem Schritt.

Shakespeare, König Heinrich VIII. I, 1

Alle Literaturangaben sind bei der Projektleitung erhältlich (info@zsb-bern.ch).                   

 Projektteam PZE Bern / 2009